Samstag, 26. Juni 2010

Hopp Schwiiz!

So. Wochenende. Durchatmen und Wetter genießen. Und Kontakte pflegen = Telefonieren, Mails und Blog schreiben. Is schon irgendwie anstrengend, viel unterwegs zu sein. Heute hier, morgen dort. Was für ein kack-Lied, aber so bin ich grad unterwegs. Auch spannend, aber auch ein bisschen zehrend. Und man ist leider viel zu wenig mit den Homies in Kontakt, was mich schon ein bisschen nervt.
Aber es ist auch eine schöne Erfahrung. Man lernt viele nette Leute kennen, die sich dann nur leider auch meist wieder verlieren. Aber man kommt ein bisschen in der Welt herum, auch wenn Schweiz sicher nicht annähernd so kulturell schockierend ist, wie Südafrika. Obwohl es auch hier ein bisschen irritierend ist, da man die Schweiz quasi für ein eingemeindetes Bundesland hält, sich aber vieles anders verhält als in Dütschland.
Sprachlich habe ich auf jeden Fall einige Probleme, den Schweizer zu verstehen. Zwar können alle Hochdeutsch sprechen und sie schreiben auch wie wir, aber das Schwizerdütsch ist wirklich schwer zu verstehen. Außerdem gibt es teils andere Vokabeln hier. Fahrrad heißt Velo, Motorad heißt Töff und man sagt den lieben langen Tag Grüzi, was bei meiner Betonung immer noch nach Grütze klingt. Ebenso ist Merci für danke in den allgemeinen Sprachgebrauch übergegangen, was mir aber noch garnicht über die Lippen kommen möchte.
Aber bislang habe ich von den Einheimischen ein ganz positives Bild. Alle sind hier wirklich freundlich und hilfsbereit. Sogar die Ämter öffnen einem nochmal die Türen, wenn man 5 Minuten nach der Öffungszeit etwas braucht und sind freundlich dabei.
Im Krankenhaus ist es auch ganz ok. Abgesehen von den Arbeitszeiten. Ich starte um 7.10 Uhr und komme regelmäßig zwischen 18 und 19 uhr erst aus dem Krankenhaus raus. Da werden die 500 Euro, die man hier bekommt eher zu einer Aufwandsentschädigung degradiert. Von Gehalt kann man da echt nicht sprechen. Und das bei diesen wirklich horrenden Schweizer Preisen...
Aber auch im Krankenhaus sind die meisten Ärzte ganz ok. Alles wird bis auf den Chef gedutzt. Einmal die Woche haben wir hier Fortbildung. Wir sind im Augenblick 4 Pjler (=Unterassistenten=UHUs, was wiederum für Unterhund stehen soll; da weiß man über die Hirachie bescheid) was nicht so viel ist, daher auch die viele Arbeit hier. Zu viert müssen wir komplett die Zweitassistenz im OP abdecken. Das heißt, dass wir jeden vierten Tag unter der Woche, sowie jedes vierte Wochenende uns nicht weiter als 20 Minuten vom Krankenhaus (=Spital) entfernen dürfen, um im OP-Fall rechtzeitig am Start sein zu können. Und das schränkt schon ziemlich ein. Aber wie gesagt, die Kollegen sind ganz nett.
In der Schweiz scheint auch mehr und mehr ein Ärztemangel zu herrschen. Die Assistenten sind hier viel am Rotieren, und kommen manchmal erst um 21 Uhr aus der Klinik. Der Grund scheint wohl der, dass man als Arzt in der Schweiz proportional verglichen mit Deutschland wesentlich weniger als andere Berufsgruppen verdient. Ich hab schon nach der ersten Woche von einem sehr netten Oberarzt, der ab August Chef in einem anderen Spital wird, ein Jobangebot bekommen, was mir natürlich sehr schmeichelt, aber aus eben genanntem Gesichtspunkt sich wieder ein bisschen relativiert.
Die Leute, die ich hier im Wohnheim bislang kennengelernt habe, sind ganz ok. Gestern waren wir gemeinsam am Bodensee zum Grillen (=Grillieren). Auch sehr fett. In der einen Richtung ein riesiger See und in die andere schneebedeckte Alpen. Lebensqualität ist hier auf jeden Fall gegeben, nur hatte ich bislang noch nicht wirklich Zeit diese auch auszukosten. Nächstes Wochenende fliege ich erstmal nach Spanien um Adela ein bisschen vom Examenslernen abzulenken. Auch sehr praktisch, von Memmingen aus geht es direkt nach Spanien, für Ryanair-Preise. Da ist der Flughafen noch näher dran als Gießen an Frankfurt-Hahn liegt. Vielleicht sollte ich mal mit dem Meilen sammeln beginnen.
Insgesamt gehts mir hier so ganz gut, aber es ist schon ein gutes Stück langweiliger als Südafrika.

Sonntag, 20. Juni 2010

Work, Work

Nur ganz kurz: Ich bin in der Schweiz angekommen, und es regnet die ganze Zeit. Macht aber nix, weil ich die ganze Zeit arbeiten muss...
Also mal eine ganz andere Nummer als Südafrika, und natürlich nicht nur in der Arbeitsintensität. Aber es macht insgesamt einen ganz pasablen Eindruck. Ich hab noch nix von St. Gallen gesehen, weil ich, nachdem ich vergangenen Sonntag hier angekommen bin, nur gearbeitet habe. Incl. dieses Wochenendes, bei dem ich durchgehend 24h Rufdienst hatte, und mich nicht weiter als 20 min vom Spital (= Krankenhaus) entfernen durfte.
Es wird hier definitiv nur halb so spannend wie in Afrika, aber viele meiner Kommilitonen sind irgendwo in der Schweiz grad verstreut. Hat da eigentlich irgendwer einen gescheiten Überblick, wer sich wo befindet? Für den Fall, dass das hier ein Wissender ließt, bitte mal Laut geben, bzw. falls er sich selbst grad in der Schweiz befindet, mal ansagen, wo genau, dass man sich auf ein Pils treffen kann.
Ich hoffe, dass es von hier bald mehr und erfreulicheres als Arbeit und Regen zu vermelden gibt...

Montag, 7. Juni 2010

Letzte Ausflüge

Das war Afrika. Ich bin mittlerweile schon wieder in Deutschland um mich ein bisschen zu akklimatisieren, wenn es dann am nächsten Montag für mich in die Schweiz geht, und um noch ein bisschen was von Adela hier zu haben, die es leider wieder nach Spanien verschlägt. Ich bin ehrlich gesagt ziemlich froh wieder hier in Deutschland zu sein. Mit Sicherheit war Afrika eine unglaubliche Erfahrung, und ich bin froh, dass ich dieses Land habe kennenlernen können. Aber es war auch anstrengend mit dem Sicherheitsproblem klarzukommen - auch wenn uns nicht ansatzweise etwas passiert ist. Auch die Arbeit im Krankenhaus war nicht so meins. Ich habe mir, wie ich bereits gesagt habe, mehr Eigenverantwortung versprochen. Prinzipiell habe ich aber weniger machen dürfen als bei meiner letzten Famulatur in Deutschland. Abgesehen von meiner Ausbildung dort hat mich auch genervt, wie in diesem Krankenhaus gearbeitet wird. Oder vielmehr nicht gearbeitet wird. Das Leben zählt hier einfach nichts. Die Krankenschwestern, alles schwarze und, man kann es nicht anders sagen, unglaublich fette Mamas, die sich entweder in Zeitlupentempo bewegen, oder irgendwo während der Arbeitszeit schlafen. Egal, ob grad nix los ist auf Station oder gerade jemand stirbt. Es ist einfach egal. Wir haben den Großteil der Zeit damit verbracht, Dinge, wie Nadeln oder Spritzen oder, oder, oder zu suchen. Und wir erledigen die Arbeit von Interns, die mit über 2000 Euro/Monat gut bezahlt werden, und wenn wir nicht wären, für dieses Geld größtenteils Materialsucher wären. Lächerlich und frustrierend. Einmal hat einer unserer Interns, ein sehr ruhiger und freundlicher Zeitgenosse, jemanden auf Station genäht, und benötigte eine neue Naht, bat die Schwester, da er steril war, ihm eine neue zu bringen. Die Schwester wackelte von dannen, und als sie nach 20 Minuten nicht zurück kam, fand er sie im Teeraum beim Quatschen. Auf die Frage, wo denn seine Naht war, entgegnete sie ihm: "Ich weiß nicht, was eine Naht ist." Dieses wirklich groteske Nichtwissen hat sie einfach dazu bewogen, ihn stehen zu lassen - vielleicht erledigt sich das Problem von selbst.
Auch dem ein oder anderen unseren ärztlichen Kollegen waren die Patienten je nach Laune mal wichtig und mal ziemlich egal. Operiert wurde generell mit recht wenig Erfahrung und ohne wirkliche Supervision. Der Oberarzt, verantwortlich für unser Team, war in unseren 4 Monaten bei drei Visiten dabei. Ebenso hat man ihn vergeblich im OP gesucht. Ich habe keine Ahnung, was dieser hochbezahlte Mann so getrieben hat. Krankenhauspatienten hat er definitiv nicht gesehen und auf meine Nachfrage, wurde gelacht und mir die dürftige Antwort gegeben, dass man als fest Angestellter solcher Fragen lieber nicht stellen sollte. Verstanden habe ich das überhaupt nicht. Ohne diese Supervision ist natürlich viel Scheiß passiert. Insbesondere hat der kubanische Arzt unseres Teams durch sichtliches Unvermögen und noch schlimmer: Ignoranz und völlige Überschätzung seiner Fähigkeiten geglänzt. Eine Patientin mit Bauchschmerzen und scheinbar eher gynäkologischen Problemen? Kaum Diagnostik, Bauch vom Brustbein bis zur Symphyse aufgeschnitten, nichts gefunden, wieder zugemacht, und auf Station verlegt. Als die Patientin wagte, sich am nächsten Tag über Schmerzen zu beklagen, deren Ursache er nicht in der Lage war auszumachen, hat sich sein Unvermögen in Aggression dieser Patientin gegenüber geäußert. Er war auch der erste Arzt, den ich jemals mit Sonnenbrille habe operieren sehen. Unvermögen durch Coolness oder wütende Argumentation ausbügeln, der man besser nicht wiederspricht.
Wer diesen Blog aber gelesen hat, weiß aber, dass es uns alles andere als schlecht erging. Dieses Land ist unglaublich schön und so vielseitig in seiner Natur. Die Landschaft und die meisten Leute, die wir hier kennen gelernt haben, haben dieses Abenteuer zu einem unvergesslichen werden lassen.
In den letzten zwei Wochen haben wir noch ein paar Ausflüge gemacht, die noch auf unserer todo Liste standen. Zunächst sind wir gemeinsam mit Steve, einem Intern hier, in die Drakensberge zum Wandern gefahren.
An meinem letzten Wochenende waren wir mit einem Südafrikaner in Cape Vidal im Norden. Obwohl hier der Winter beginnt, sind wir entlang von Korallenriffen geschnorchelt und gemeinsam mit Fischen geschwommen, haben Seeigel gesehen und so weiter. Das war ein wirklich wunderschöner Abschluss meiner Zeit hier.
In der Hoffnung, dass ich im nächsten Tertial (leider ohne Michael, der es hoffentlich schafft, sein Tertial nach Griechenland zu legen) in der Schweiz auch das ein- oder andere Interessante zu vermelden habe, versuche ich meinen Blog dort weiterzuführen und bedanke mich für euer Leseinteresse!
Grüße aus dem sonnigen Gießen!

Sonntag, 23. Mai 2010

King Edward Hospital

Für den Fall, dass ihr denkt: „Die Zwei machen da unten in Afrika sowieso nur Urlaub“ hab ich einen Eintrag ausgegraben, den ich nach unserem ersten Monat hier zwar geschrieben, aber aus mir unverständlichen Gründen noch nicht gebloggt habe. Da ich euch den nicht vorenthalten möchte, und er auch immer noch für das steht, was in diesem Krankenhaus so läuft, stell ich ihn mal online:

So langsam spielt sich das mit unserem Krankenhausdienst ein hier. Ich bin mit relativ großen Erwartungen an unser PJ-Tertial hier herangegangen, aber bislang wurde ich ein bisschen enttäuscht. Der einzige Arzt hier, der sich wirklich super um uns kümmert, ist ein Inder ungf. unseren Alters, der selber noch nicht so den großen Durchblick hat. Aber das, was er weiß vermittelt er gut und gerne. Die übrigen Ärzte sind eher desinteressiert. Ähnlich wie in Deutschland. Das habe ich wirklich gehofft hier anders zu erfahren. Vielleicht wird das ja auch noch ein bisschen besser – allerdings sind wir hier schon fast einen Monat – aber die älteren Ärzte (sog. Registras, vergleichbar mit Ärzten die eine Facharztausbildung machen) haben im Augenblick Prüfungen und haben uns eigentlich zugesichert, dass sie sich nach ihren Prüfungen ein bisschen mehr um uns kümmern werden. Mal sehen, was tatsächlich daraus wird.
Alle sechs Tage haben wir hier „Intake“. Das heißt einen ca. 28h Dienst. Und den hatten wir vergangene Woche von Samstag auf Sonntag. Entsprechend wurden die ganzen Betrunkenen mit Schuss-, Stich undsoweiterverletzungen eingeliefert. Die Bilanz lässt sich wohl kaum mit Deutschland vergleichen. Es sind auf jeden Fall an diesem einen Abend drei Leute auf der Notaufnahme gestorben. Zwei wurden so heftig zusammengeschlagen, dass sie wahrscheinlich an einer Hirnschwellung/-einklemmung gestorben sind. Die dritte ist an einer Magenblutung verstorben. Und das eigentlich auch nur, weil hier die Endoskope seit Wochen kaputt sind, mit denen man die Blutung wahrscheinlich in einer halben Stunde hätte klippen können. Stattdessen lag die arme Frau 6 Stunden in der Aufnahme, und ist kurz bevor sie auf den OP-Tisch sollte verstorben.
Dann kamen irgendwann zwei Kombattanten, bei denen der eine dem anderen mit einer Glasflasche den Rücken teilweise bis auf die Muskeln aufgeschnitten hat. Micha und ich haben in mühevoller Kleinarbeit und bestimmt über 40 Stichen seinen Rücken wieder zusammengeflickt. Dem anderen Kollegen ist weniger passiert, aber ich fands witzig, dass die zwei quasi in der Wartezone sich einander gegenübersaßen, und darauf gewartet haben, dass man sie im Krankenhaus wieder zusammenbaut, nachdem sie sich eine Stunde vorher mehr oder weniger auseinander genommen haben.
Außerdem sieht man wirklich extrem kranke Leute hier, teilweise bis auf die Knochen abgemagert durch irgendeine „konsumierende Krankheit“. Man kann teilweise die Knochen des Schädels bestens nachvollziehen (gut für Schädelexperten, die sich fragen, wo genau das Jochbein eigentlich entlangläuft), oder das Schlüsselbein steht so weit hervor, dass man wirklich zweimal hinschauen muss, weil man es im ersten Augenblick für irgendeine anatomische Abnormalität hält, dann aber feststellt, dass der Patient einfach nur noch aus Haut und Knochen besteht.
Ich muss mich oft daran erinnern, wenn ich von den Patienten spreche oder hier einen Eintrag schreibe, dass ich das mit Respekt tue. Oft genug verliere ich genau den, bzw. mein Mitgefühl. Man stumpft wirklich ab, weil man mit derart krassen Dingen konfrontiert wird, dass man schnell in Sarkasmus abdriftet. Vor allem merke ich das bei einigen (Studenten-) Kollegen, und es widert mich an, wenn der Chirurg sich laut fragt, „warum diese verdammte Mutti sich genau jetzt sich dazu entscheidet zu sterben, wo hier die Hütte brennt“ (frei, aber sinngemäß übersetzt).
Ich sehne mich schon fast ein bisschen nach dem Alltag in Deutschen Krankenhäusern und der westlichen Medizin zurück, wo man wenigstens in aller Regel das findet was man gerade braucht. Hier verbringt man manchmal 30 Minuten damit, eine Braunüle zu finden. Nicht, dass die Dinger nicht vorhanden wären, aber es gibt keinen der sich ums Auffüllen solcher Dinge kümmert. Nichts hat hier seinen eigenen Platz. Alles kann irgendwo liegen. Neulich habe ich nach irgendeinem Formblatt gefragt, und die Schwester hat dann irgendwo einen Stapel davon gefunden, der dann von ihr an allen möglichen Ecken auf der Station verteilt wurde. Quasi nach dem Eichhörnchenprinzip, das laufend irgendwo Nüsse eingräbt, diese dann aber wenn es sie braucht, nicht wiederfindet.
TIA, wie es so schön in dem Film „Blood Diamond“ mit Leonardo DiCaprio heißt (der übrigens meine Meinung über selbigen Schauspieler von Grund auf zum Positiven geändert hat): This is Africa!
Hier Fotos